Intolleranza 1960

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Januar 1970
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Intolleranza 1960 ist eine Oper, die mehr Fragen aufwirft, als dass sie Antworten gibt. Kann man dieses Werk überhaupt eine Oper nennen? Oder hat sie uns etwas viel Wichtigeres zu sagen? Verändert sich ihre politische Aussage, wenn man sie heute auf­ führt, als Intolleranza 2020? Der italienische Kompo­nist Luigi Nono strebte nach einer neuen Form des Musiktheaters, das mit der menschlichen Stimme, mit simultanen Abläufen und mit räumlichen Klang­wirkungen experimentiert und diese auf einzigartige Weise zur Geltung bringt. Nono lehnte die tradier­ten Opernkonventionen ab und stand anfangs der Zweiten Wiener Schule um Arnold Schönberg, Alban Berg und Anton Webern nahe. Er erforschte neue Kompositionstechniken, verwendete in seinen Stücken elektronische Musik und Tonbandaufzeich­nungen und nannte sie „Situationen“ oder „azione scenica“ (Bühnenhandlung). Dieser dramaturgische Ansatz machte Nono zu einem Erneuerer, wobei seine musikalische Weltsicht stark von seinen politi­schen Ansichten beeinflusst war. Als junger Partisa­nenkämpfer war er in den letzten Tagen der Musso­lini­-Diktatur in die italienische KP eingetreten, als die Mitgliedschaft in dieser Partei eine Straftat be­deutete. Nono ging es um die gesellschaftliche Re­levanz seiner Musik, um „engagierte Musik“, die sich nicht nur in ästhetischen Formen erschöpft, sondern eine unmittelbare Wirkung auf ihre Zuhörer haben sollte. Er wollte alle sozialen Schichten ansprechen. Intolleranza 1960 war Nonos erstes Musiktheater­werk und entstand im Auftrag des 24. Internationa­len Festivals für zeitgenössische Musik der Biennale von Venedig, in dessen Rahmen es vor fast 60 Jahren im Teatro La Fenice uraufgeführt wurde. Man würdigte es als einen wichtigen Beitrag der Nachkriegs­avantgarde und ein Schlüsselwerk in Nonos erster Schaffensphase. Das Libretto nach einer Idee von Angelo Maria Ripellino verfasste Nono selbst. Er verarbeitete darin Essays und Gedichte von Julius Fučík, Henri Alleg, Jean­ Paul Sartre, Paul Éluard, Wla­dimir Majakowski und Bertolt Brecht. Es handelt von einem namenlosen Auswanderer, der in seine Hei­mat zurückkehrt. Auf seiner Reise gerät er in eine Demonstration und wird — obwohl er unschuldig ist — festgenommen, gefoltert und in ein Konzentra­tionslager gebracht. Sein Heimweh schlägt um in Sehnsucht nach Freiheit. Es gelingt ihm die Flucht, doch das Schicksal trifft ihn in Form einer Flutwelle, die eine humanitäre Katastrophe auslöst. Intolleranza 1960 musste diverse Widerstände über­winden, die sich schon vor der Premiere abzeichne­ten: Zum einen verlief die Zusammenarbeit von Nono und Ripellino nicht wie geplant, woraufhin Nono eine neue Textfassung erstellte, die der Vor­sitzende der Biennale zu zensieren versuchte. Zum anderen sorgten bei der Premiere Neofaschisten für Störungen und überschütteten das Stück mit Häme. Die „azione scenica“ spiegelt Nonos Unzufriedenheit mit den herrschenden Machtverhältnissen wider; sie besteht aus allegorischen Episoden, in denen die Absurditäten des täglichen Lebens angeprangert werden. Das Werk ist ein leidenschaftlicher Protest gegen Rassismus, Intoleranz, Unterdrückung und die Verletzung der Menschenwürde, wobei die Um­weltkatastrophe am Ende der Handlung das Werk mit heutigen Diskursen verknüpft. Nono schrieb: „Intolleranza 1960 ist das Erwachen des menschli­chen Bewußtseins eines Mannes, der sich gegen den Zwang der Bedürfnisse erhebt und einen Sinn, eine ,menschliche‘ Grundlage des Lebens sucht. Nachdem er einige Erfahrungen der Intoleranz und der Angst durchlitten hat, ist er dabei, eine mensch­liche Beziehung zwischen sich und den anderen wie­derzufinden […]. Es bleibt die Gewißheit, daß der ,Mensch jetzt dem Menschen ein Helfer ist‘.“

 

Nonos Werke waren in den letzten 25 Jahren in Salzburg immer wieder in beispielhaften Produktio­nen zu erleben. Dirigent Ingo Metzmacher, ein pro­funder Kenner von Nonos Musik, betont, dass für ihn Nonos „Werk und sein Vermächtnis […] so etwas wie ein Leitstern“ seien. Jan Lauwers hat sich zuletzt intensiv mit der Bedeutung von politischer Kunst beschäftigt; seine Erkenntnisse werden auch in die Neuinszenierung einfließen: „Politische Kunst ne­giert die Ästhetik der Politik. Dabei ist Kunst immer politisch.“

Programm und Besetzung

Leading Team


Ingo Metzmacher - Musikalische Leitung
Jan Lauwers - Regie, Bühne, Choreografie und Video
Lot Lemm - Kostüme
Ken Hioco - Licht
Elke Janssens - Dramaturgie


Besetzung


Sean Panikkar - Un emigrante
Sarah Maria Sun - La sua compagna
Anna Maria Chiuri - Una donna und andere
Sung-Im Her, Yonier Camilo Mejia, Victor Lauwers (Needcompany) - Schauspiel und Solotanz


Ensembles


Tänzer und Tänzerinnen von BODHI PROJECT und SEAD — Salzburg Experimental Academy of Dance
Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor
Huw Rhys James - Choreinstudierung
Wiener Philharmoniker

Felsenreitschule

Die Idee, die Sommer- bzw. Felsenreitschule in ein Theater zu verwandeln, geht auf Max Reinhardt zurück, der bereits den Umbau der Winterreitschule angeregt hatte In der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts brach man an dieser Stelle Konglomerat für den Bau des Domes. Unter Erzbischof Johann Ernst Thun wurden im Jahr 1693 nach Plänen des Barockbaumeisters Johann Bernhard Fischer von Erlach 96 dreigeschossig übereinander gelagerte Arkaden in die Wände des aufgelassenen Steinbruchs geschlagen, um von hier aus Reitvorführungen und Tierkämpfe beobachten zu können.

Als Max Reinhardt 1926 erstmals den Versuch unternahm, mit Goldonis Diener zweier Herren die Felsenreitschule für eine Inszenierung der Salzburger Festspiele zu nutzen, entsprach das Ambiente in idealer Weise der „realistischen“ Charakterkomödie im Volkstheaterstil: Gespielt wurde auf einer „Pawlatschenbühne“, der Boden bestand aus gestampfter Erde, und die Zuschauer saßen auf Holzbänken. Aber auch die 1933 in der Felsenreitschule errichtete Faust-Stadt von Clemens Holzmeister gehört zu den besonders eindrucksvollen Verwandlungen dieses Ortes. Eine erste Opernproduktion fand unter Herbert von Karajan in der Felsenreitschule statt: 1948 gelangte Glucks Orfeo ed Euridice zur Aufführung.

Seit Ende der sechziger Jahre wurden – vor allem nach Plänen des „Festspielarchitekten“ Clemens Holzmeister – einschneidende Umbauarbeiten vorgenommen: Es wurden eine Unterbühne, ein Orchestergraben und eine Scheinwerferrampe errichtet, ein wetterfestes Rolldach eingezogen, das vor Regen und kühlen Sommerabenden schützt, und schließlich ein Zuschauerraum mit Logen und Rampen sowie ein Kulissendepot geschaffen.

Jean-Pierre Ponnelles Zauberflöten-Inszenierung, die zwischen 1978 und 1986 hier allsommerlich gegeben wurde, errang einen legendären Status, aber auch Shakespeares „Römerdramen“ – Julius Caesar, Coriolan sowie Antonius und Cleopatra – in der Regie von Peter Stein und Deborah Warner erwarben sich in den frühen neunziger Jahren internationalen Ruhm.

Bereits im Zuge des Neubaus Haus für Mozart wurde in der Felsenreitschule eine neue Tribüne eingebaut, wodurch sich für das Publikum verbesserte Sichtbedingungen und Akustik ergaben. Seit Juni 2011 verfügt die Felsenreitschule über ein neues Dach.

 

Neuerungen sind insbesondere:

–    die neue Dachkonstruktion mit zwei fixen Randträgern und drei Elementen, gelagert auf fünf Teleskopträgern: Das leicht geneigte, aus drei mobilen Segmentflächen bestehende Pultdach ist auf fünf Teleskoparmen innerhalb von sechs Minuten ein- und ausfahrbar. Hängepunkte auf Teleskopträgern für Bühnentechnik (Kettenzüge), verbesserter Schall- und Wärmeschutz und zwei Beleuchterbrücken optimieren das Bühnengeschehen.

–    Neue Sicherheitstechnik inkl. Elektroinstallation, Bühnenlicht, Effektbeleuchtung und Effektbeschallung.

–    Das ausgebaute 3. Obergeschoß und der Rohbau des neu gewonnenen 4. Obergeschoßes unter dem Dach der Felsenreitschule – dies ermöglicht letztmalig Raum im Festspielbezirk zu erschließen.

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